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  • Sandra

Kalziumoxalatsteine beim Hund

Aktualisiert: 20. Juni 2022

Fallbeispiel Finja – eine Hündin mit Harnsteinen

Mehrere Tage hatte Finja eine blutige Blasenentzündung mit Blasengrieß. Der Tierarzt diagnostiziert Kalziumoxalatsteine/-grieß mit einem ph-Wert des Urins bei <5. Er verordnete Schmerzmittel und Entzündungshemmer gegen die Blasenentzündung und empfiehlt der Besitzerin ein Diätfutter; dies müsse er aber erst bestellen. Die Besitzerin hat das abgelehnt, da sie Angst vor Durchfällen bei einer Umstellung des Futters hat. Finja reagiert empfindlich auf Futterumstellungen und einige Sorten Trockenfutter. Sie hatte früher eine langwierige Beahndlung gegen unterschiedliche Würmer.

Momentan erhält sie zwei Mahlzeiten täglich: 1 x Trockenfutter (Wildborn Soft Amber Ente), 1 x selbstgekochte Ration aus Gemüse, Hülsenfrüchten, Milchprodukten.





Das Problem Kalziumoxalat

Die genauen Gründe für die Entstehung von Kalziumoxalatsteinen (Ca-Oxalatsteine), der zweithäufigsten Steinart beim Hund, sind noch unbekannt. Kalziumoxalatsteinen kommen in saurem Harn vor und können nicht durch eine Futterumstellung aufgelöst werden. Verschiedene Ursachen kommen in Betracht und können bei der Diätetik berücksichtigt werden; eine offiziell erwiesene, diätische Leitlinie gibt es aufgrund der unklaren Ursachenlage jedoch nicht.


Mögliche Ursachen für Kalziumoxalatsteine beim Hund

  • Eine zu hohe Calcium- oder/und Natriumzufuhr mit der Nahrung (Hypercalciurie)

  • Überhöhte Vitamin D-Gaben

  • Acidose (Störung des Säure-Base-Haushaltes) ⇒ vermehrte Mobilisation von Ca und PO4 3- aus dem Skelett

  • Hypophosphatämie (Verminderung des Phosphatspiegels im Blut)

  • Hyperparathyreoidismus (Vermehrte Bildung von Nebenschilddrüsenhormon (Parathormon), welches den Calcium-Spiegel im Blut reguliert)

  • Hyperoxalurie: vererbt oder fütterungsbedingt. Eine erhöhte Urinausscheidung von Oxalat bezeichnet man als Hyperoxalurie. Dies führt im Urin immer zu einer Übersättigung und damit zur Auskristallisation mit Calcium = Kalciumoxalatkristalle, die sich weiter zu Nierensteinen entwickeln, oder sich im Nierengewebe ablagern (= Oxalose, oder auch Nierenverkalkung).

  • Hohe Vitamin C-Aufnahme

  • Vitamin B6-Mangel

  • Primäre Hyperoxalurie (hohe endogene Produktion im Intermediärstoffwechsel) – der größte Anteil der renal ausgeschiedenen Oxalate stammt aus dem Glycin-Stoffwechsel, einer Aminosäure, die besonders reichlich im Kollagen von Bindegeweben vorhanden ist.

  • Idiopathische Hypocitraturie

  • Acidämie (Störung des Säure-Base-Haushaltes durch gestörten Sauerstoffhaushalt)

  • Evtl. unsachgemäße Benutzung Magnesium-reduzierter oder stark urinansäuernder Diäten wie bspw. zur Struvitstein-Kontrolle (bei veganer, vegetarischer Fütterung häufig)

  • Ethylenglycolvergiftung

  • Uratkristalle als Kern für Ca-Oxalat in übersättigtem Harn

  • Genetische Faktoren

So könnte eine Unterstützung für Finja aussehen

Im Akutstadium sollte die Blasenentzündung vorrangig behandelt werden, da sie Schmerzen verursacht. Es folgt die Anpassung der Ermährung:


Schritt 1: Blasenentzündung abheilen

  • Im akuten Stadium muss Finja unbedingt mehr trinken: Wasser mit (wenig) Fleischbrühe, Leberwurst, Apfelessig, Kefir etc. geschmacklich aufbessern

  • Viel Tee (Birkenblätter, Löwenzahn, Brennnessel, Goldrute – falls sie ihn pur annimmt)

  • Das Trockenfutter unbedingt ausreichend wässern (gerne auch mit dem Tee!): 3 Teile Wasser zu 1 Teil Trockenfutter

  • Zwischendurch wasserreiches Gemüse, wie bspw. Gurkenstückchen füttern

Schritt 2: Blase stärken

4 – 6 Wochen lang kann Finjas Blase weiterhin mit Blasenkräutern unterstützt und gestärkt werden, damit sich keine (wiederkehrende) bakterielle Infektion festsetzt. Mögliche Kräutermischungen wären:

Danach eine Pause machen, damit keine Gewöhnung eintritt. Kann gerne mehrfach im Jahr wiederholt werden (Frühjahr!).



Glastasse mit Brennnesseltee und Zweigen darin
Brennnesseltee ist auch bei Hunden hilfreich gegen Balsenentzündungen


Echte Goldrute ist das Nierenmittel der Wahl bei Nierenerkrankungen (Goldrutentee oder Solidago Tabletten, sowie Tinkturen oder Globuli), Brennessel, Löwenzahn und Birke erhöhen die Harnmenge. Wichtig ist, dass Finja sehr oft die Gelegenheit bekommt, Harn absetzen zu können. "Einhalten" erhöht die Wahrscheinlichkeit der Steinbildung durch zu langen Verbleib der Stoffe in der Blase.

Die o.g. Kräuter können als Tee aufgesetzt werden oder unter das Futter gemischt werden. Hierzu gibt es feine oder grobe Mischungen, ggf. muss man selbst noch einmal zerkleinern.

Bevor die Kräuter unter das Futter gemischt werden, sollte man sie mit wenig Wasser übergießen und den entstandenen dicken Brei untermischen. Kräuter langsam einschleichen (erhöht die Akzeptanz der u. U. stark riechenden Kräuter).


Schritt 3: Futterumstellung

Langfristig rate ich dazu, das Futter zu ändern: weg vom Trockenfutter! Trockenfutter ist die denkbar schlechteste Futtervariante bei Steinbildung.


Selbstgemacht statt gekauft

Falls möglich würde ich zu selbstgemachten Rationen tendieren, mit langsamer Umstellung.

Und hier zu selbstgekochten Rationen statt BARF. Finjas Darm ist empfindlich und muss langsam an neue Futterbestandteile gewöhnt werden. Im Anfangsstadium sollte das Trockenfutter ausreichend gewässert werden (3 Teile Wasser / 1 Teil TF) und mit schmackhaftem Gemüsebrei angereichert werden. So erhält der Verdauungstrakt Zeit, um sich auf neue Futterkomponenten umzustellen und Finja kann mit vielen Vitalstoffen versorgt werden. Gemüseanteile sidn wichtig für den Aufbau eines vielfältigen, stabilen Darmbioms.


Hunde-Suppe

Sollte Finja breiige, suppige Rationen akzeptieren und gerne fressen, wäre das hervorragend! Ideen für "suppige Kost" wären bspw. dünner Kartoffelbrei mit püriertem Gemüse und Rinderhack, Fischsuppe mit Reis (sehr breiig verkochter Reis) und Fenchel, Gemüsesuppe mit (Stauden)sellerie und jungen Erbsen. Rote-Linsensuppe mit Kartoffeln, Möhren-Pastinakensuppe mit Tofu. Keine Suppe aus ausgekochten Knochen, da diese sehr mineral- und damit zu kalziumreich ist sowie kollagenreich (s.o.: Cystin-Stoffwechsel).


Fertigfutter und aktuelle Futtersorte

Industrielle Trockenfuttersorten für Finja sollten einen maximalen Rohasche-Anteil von 7 % nicht überschreiten und nicht mit zusätzlichem Kalzium angereichert sein. Künstliche Vitamine und Zusatzstoffe (in der Zutatenliste als "ernährungsphysiologische Zusatzstoffe" bezeichnet), wie sie in vielen Trockenfuttern verwendet werden, um die Verluste der industriellen Herstellungsprozesse auszugleichen, sind häufig Verursacher von Unverträglichkeiten. Dies gilt auch für hochpreisige Premiumsorten. Auch Marken, die mit viel Fleisch und hohem Proteingehalt werben, sind hier nicht besser zu beurteilen. Oftmals sind solche Produkte auch "übervitaminisiert" – insbesondere mit Vitamin A und D. Vitamin-D ist jedoch ein kritischer Nährstoff bei Kalziumoxalatsteinen.

Finjas jetziges Futter "Wildborn/Sorte Ente" enthält 75 % Fleisch, Hefen sowie Rübentrockenschnitzel. Letztere enthalten sehr viel Kalzium. Das vegetarische Trockenfutter enthält ebenfalls Rüben (Anteil unbekannt) und Hefen aber nur einen Kalziumanteil von 0,86% (statt 1,5% bei Wildborn). Feuchtfutter in Dosen wäre für Finja besser als Trockenfutter, da es einen durchschnittlichen Gehalt von fast 80 % Wasser enthält.


Leckerli und Zwischenschnacks

Finja sollte keine bindegewebsreichen Snacks zum Knabbern bekommen, wenig Häute und Knorpel, wenig getrocknete Lunge (oftmals als kalorienarme Trainingssnacks gebraucht). Getrocknete vegetarische Snacks genau unter die Lupe nehmen: sie enthalten oft Spinat und Rote Beten. Rote Bete nicht mehr als Snack füttern (Oxalsäure). Keinen harten Käse als Leckerli.


Für selbstgekochte Rationen kann gelten: Weniger, aber gut verdauliches Fleisch in die Rationen – purinarme, bindegewebsarme Sorten, kein Euter, keine ausgekochten Knochensuppen. Bei Milchprodukte die "dünnen" angesäuerten wie Quark, Hüttenkäse, Kefir verwenden, kein Hartkäse.

Hochwertige Pflanzenöle sind wichtige Energielieferanten für Hunde. Empfehlenswert sind Leinöl, Hanföl, Nachtkerzenöl (teuer) – generell kaltgepresste Öle mit vielen ungesättigten Fettsäuren (weniger empfehlenswert: Olivenöl, Sonnenblumenöl sowie Lachsöl und Dorschlebertran, letztere sind ungeeignet für Finja durch hohe Vitamin D Gehalte!).

Beim Gemüse sind Oxalsäurelieferanten wie Spinat, Mangold, Rote Bete zu meiden statt dessen junge grüne Erbsen, Blumenkohl, Brokkoli, Rosenkohl, Rot-/Grünkohl, Wirsing, Fenchel, Schwarzwurzeln, Kopfsalat, Gurken, Sauerkraut, Feldsalat, Radieschen, Zucchini, Gurke, Kürbis.


Gerne mit Salaten und bunt gemischten Kräutern experimentieren; Feldsalat wird häufig gerne angenommen. So bekommt Finja viele Vitamine und Enzyme. Kohlenhydrate kommen von Kartoffeln, Süßkartoffeln (beide ganz gut, da wasserreich) oder stark zerkochtem Reis und Buchweizen.

Überzogene Vitamin C-Gaben (zu viel Obst, Beeren etc.) und Vitamin D-Gaben (Lebertran, fetter Fisch, Zusatz im Fertigfutter) vermeiden. Bananen enthalten viel Magnesium, sind basenreich und gleichen ein Zuviel an Säure aus und enthalten viel Vitamin B6. Es wird vermutet, dass Vitamin B6 zur Reduktion der Oxalatauscheidung beitragen kann. Es ist u. a. enthalten in Eigelb, Fisch, Honig, Nüssen und Reis.


Fazit:

Finja sollte möglichst frische, mit hochwertigem, leicht verdaulichem Eiweiß versehene Portionen mit einem für sie angemessen moderatem Mineral-, Calzium und Vitamin D Gehalt bekommen. Stark oxalsäurehaltige Gemüse sollten nicht verfüttert werden. Im Prinzip kann Finja alles bekommen – gewisse Nahrungsbestandteile und Nährstoffe eben nur in Maßen. Ein hoher Wasserkonsum, der die Konzentration der Kristalle im Harn verhindert, ist mindestens genauso wichtig und effizient wie eine Futterumstellung.


Empfehlenswert

Nicht so gut - drauf achten

Viel Wasser

Wenig Auslauf, "Pippi-Einhalten"

Feuchtfutter / Dosenfutter

Trockenfutter

Gekochte Rationen

Industrielles Futter, auch hochpreisiges

Frische, naturnahe Kost mit viel natürlichen Vitaminen und Enzymen

Übervitaminisiertes Futter

Natürliche Knorpel als Kalizumquelle (von jüngeren, kleinen Tieren besser als von älteren, großen Tierarten), Milchprodukte und pflanzliche Kalziumquellen verwenden

Mineralstoffzusätze, BARF- Ergänzungen

Vitamin B6 reiche Lebensmittel füttern

Künstliche, zugesetzte Vitamine meiden

Mehr Gemüse als Obst füttern

Keine Hagebuttenpulver oder andere Vitamin C-reiche Zusätze füttern

Hüttenkäse

Hartkäse (Emmentaler, Parmesan)

Kürbis, Pastinaken, Salate, Zuchhini, Möhren, Topinambur, Kartoffeln, Reis

Spinat, Mangold, Rote Beten, zu viel Soja, Hefen

Hochwertiges, leicht verdauliches, purinarmes Fleisch

Bindegewebe, Knochen, Knorpel in zu großen Mengen, Euter, zuviel Leber

Fisch mager (gemischt mit fetteren Sorten geringeren Anteils)

Lebetran, Dorschöl meiden

Hochwertige, pflanzliche Öle (Lein, Leindotter, Hanf, Nussöle, Kürbiskernöl) gerne im wilden Wechsel

BARF-Öl-Mischungen (bestehen meist aus Lachsöl)

Ballaststoffreiche und vielfältige frische Futterbestandteile einschleichen (Futter für das Darmbiom)

Immer beim gleichen Futter bleiben aus Angst vor Unverträglichkeiten (Gefahr der Einseitigkeit, inbesondere bei "Diätfuttern")


Weitere Tipps

Gewichtskontrolle und viel Bewegung, hoher Wasserkonsum, häufige Blasenentleerung, Säure-Base-Haushalt ausgleichend unterstützen. In neueren Forschungen zeichnet sich ab, dass das Fehlen von oxalatabbauenden Bakterien im Verdauungstrakt ein Risikofaktor für die Entstehung von Kalziumoxalatsteinen ist.

Unter diesem Gesichtspunkt und der Erfahrung, dass Finja sowieso stark auf Futterumstellungen reagiert, könnte sehr gut über einen Aufbau eines stabilen Darmmikrobioms nachgedacht werden. Für letzteres wäre dann eine genauere Untersuchung von Finjas Futter-/Darmproblemen wichtig sowie ein darauf abgestimmtes Futterkonzept.


Prognose und langfristige Unterstützung für Finja

Kalziumoxalatsteine lassen sich leider nicht durch eine abgestimmte Diät auflösen.

Bei Finja sollte die Ernährung so gestaltet werden, dass eine weitere Steinbildung vermindert wird bzw. verhindert wird, dass der Gries sich zu Steinen ausbildet, die nur operativ entfernt werden können. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass eine Übersättigung des Urins mit Kalzium und Oxalaten vermieden werden muss und dass eine zu geringe Wasseraufnahme Rezidiven begünstigt. Bei der Ernährung sollte auf stark mineralisierte, sowie oxalsäurehaltige Futter- und Ergänzungsmittel verzichtet werden. Der ph-Wert sollte sich zwischen 6,8 und 7,2 einpendeln.


Tipp: ph-Wert Messstreifen

Um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu überprüfen, sollte der Urin nach weiteren 4 Wochen auf Grieß beim Tierarzt untersucht werden. Messstreifen zur selbstständigen ph-Wert Kontrolle gibt es preiswert in der Apotheke oder im Internet. Sie können ganz einfach und stressfrei in den Urin gehalten werden, der sich direkt nach dem Wasserlassen an Grashalmen oder als Pfütze bildet. So kann man mehrmals am Tag die Werte überprüfen (Die ph-Werte schwanken stark im Tagesverlauf und nach Futteraufnahme. So kann man die Werte über einige Tage notieren und zum Tierazrt mitnehmen). Direkte Laboruntersuchungen in der Praxis des Urins sollten spätestens 30 Minuten nach dem Auffangen erfolgen (ggf. vorher beim Arzt nachfragen!)

Die Möglichkeit der Einstellung über Kalziumcitrat / Thiazid Diuretika mit regelmässigen Kontrollen des Kalium-Status gehört in die Hände des Tierarztes.


Bitte beachtet:

Die Angaben in diesem Beitrag entsprechen dem derzeitigen Wissensstand und wurden sorgfältig recherchiert. Dennoch kann für die gemachten Aussagen und Therapieempfehlungen keine Gewähr übernommen werden. In jedem Anwendungsfall ist im Vorfeld ein(e) erfahrene(r) Arzt/Ärztin oder Therapeut/in hinzuzuziehen. Ich hafte nicht für Personen-, Tier-, Sach- und Vermögensschäden.



Quellen:

Arbeitsmaterialien der Rolf-Schneider-Akademie für Gesundheit und Naturheilkunde: Ernährungsberater Hund

Meyer/Zentek: Ernährung des Hundes. Grundlagen, Fütterung, Diätetik, 8. Ausgabe, 2016

Prof. Dr. A. Hesse: Harnsteine bei Hunden, Calziumoxalate, Experimentelle Urologie, Universität Bonn

B. Gerber: Vorbeugung von Harnsteinen, was wissen wir? University of Zurich

Zurich Open Repository and Archive, 2010

Dr. med. vet. Alexandra Nadig: Heilpflanzen für Hunde, Wirkunsgweise, Rezepturen, Anwendung, 2018 (Harnwegserkrankungen, Seite 142)




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