Beeinflusst der Proteingehalt des Futters das Verhalten eines Hundes?
- Sandra
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Tag
Vielleicht kennst du das: Dein Hund frisst scheinbar „hochwertig“, bekommt viel Fleisch, du achtest auf gute Qualität – und trotzdem wirkt er innerlich unruhig, schnell gestresst, überdreht oder schwer ansprechbar. Vielleicht hast du auch schon gehört, dass „zu viel Eiweiß Hunde nervös macht“ – und fragst dich, was nun stimmt.
Die kurze Antwort: Eiweiß ist nicht das Problem an sich. Entscheidend ist, wie viel Protein im Verhältnis zu Kohlenhydraten gefüttert wird – und was das im Stoffwechsel und im Gehirn deines Hundes auslöst.
In diesem Beitrag schauen wir uns zwei gut erklärbare Mechanismen an, die zeigen, wie Proteingehalt und Verhalten zusammenhängen können – ganz ohne Mythen, sondern verständlich und praxisnah.

Proteingehalt und Verhalten: Wenn Glukose fehlt, entsteht Stress
Viel Protein, wenig Kohlenhydrate – was passiert dann?
Viele moderne Fütterungskonzepte setzen auf sehr hohe Fleischanteile und enthalten wenig oder gar keine Kohlenhydrate. Das ist grundsätzlich möglich, denn Kohlenhydrate sind für Hunde nicht lebensnotwendig.
Aber: Das Gehirn deines Hundes braucht Glukose als Hauptenergiequelle – genau wie unseres. Glukose stammt entweder direkt aus Kohlenhydraten oder muss vom Körper selbst hergestellt werden.
Sind kaum Kohlenhydrate im Futter enthalten, passiert Folgendes:
Die körpereigenen Glukosespeicher sind schnell aufgebraucht
Der Körper muss Glukose aus Eiweiß herstellen (Gluconeogenese)
Dieser Prozess ist aufwendig und wird hormonell über Cortisol gesteuert
Cortisol gehört zum körpereigenen Stresssystem. Wird Glukose regelmäßig über diesen Weg bereitgestellt, läuft der Stoffwechsel dauerhaft im Stressmodus.
Was bedeutet das fürs Verhalten?
Ein Stoffwechsel, der ständig auf „Energie sichern“ geschaltet ist, wirkt sich auch auf das Nervensystem aus. Mögliche Folgen können sein:
innere Unruhe
erhöhte Reizbarkeit
geringe Frustrationstoleranz
Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen
Kohlenhydrate liefern Glukose direkt und helfen, den Blutzucker stabil zu halten. Ein stabiler Blutzucker ist – wie auch beim Menschen – eine wichtige Grundlage für Konzentration, Gelassenheit und Impulskontrolle.
Proteingehalt und Verhalten: Tryptophan, Serotonin und innere Balance
Der zweite wichtige Zusammenhang betrifft nicht die Energieversorgung, sondern die Botenstoffe im Gehirn.
Warum Tryptophan so wichtig ist
Tryptophan ist eine essentielle Aminosäure. Dein Hund muss sie über die Nahrung aufnehmen. Im Gehirn wird Tryptophan benötigt, um Serotonin zu bilden – einen Neurotransmitter, der unter anderem zuständig ist für:
innere Ruhe
emotionale Stabilität
Impulskontrolle
Stressresistenz
Das Konkurrenzproblem bei sehr viel Eiweiß
Tryptophan gelangt nicht automatisch ins Gehirn. Es muss über spezielle Transporter die Blut-Hirn-Schranke passieren. Diese Transporter sind jedoch auch für andere Aminosäuren zuständig, die bei fleischreicher Fütterung reichlich vorhanden sind (z. B. Leucin, Valin, Tyrosin).
Das Entscheidende ist:
Nicht die absolute Menge an Tryptophan zählt, sondern das Verhältnis zu den anderen Aminosäuren im Blut.
Bei sehr eiweißreicher, kohlenhydratarmer Fütterung ist die Konkurrenz besonders groß. Das Ergebnis: Trotz ausreichend Protein gelangt relativ wenig Tryptophan ins Gehirn, die Serotoninbildung kann sinken.
Mögliche Folgen im Alltag
Ein niedriger Serotoninspiegel kann sich äußern durch:
Unruhe und Nervosität
erhöhte Reaktivität
geringe Impulskontrolle
schnelle Überforderung in stressigen Situationen
Wie Kohlenhydrate hier unterstützen können
Nach einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit läuft im Körper Folgendes ab:
Der Blutzucker steigt moderat an
Insulin wird ausgeschüttet
Viele konkurrierende Aminosäuren werden durch den Einfluss des Insulins in Muskel- und Fettzellen aufgenommen
Somit bleibt Tryptophan besser im Blut verfügbar
Dadurch verbessert sich das Verhältnis von Tryptophan zu den anderen Aminosäuren – und mehr Tryptophan kann ins Gehirn gelangen, wo es für die Serotoninbildung zur Verfügung steht.
Kohlenhydrate sind damit kein „Beruhigungsmittel“, schaffen aber metabolisch günstigere Voraussetzungen für innere Stabilität.
Zu wenig oder zu viel Eiweiß – ein Vergleich
Situation | Mögliche Folgen |
Zu wenig Eiweiß | Muskelabbau, Leistungsabfall, schlechte Regeneration, schlechte Immunleistung |
Sehr viel Eiweiß bei wenig Kohlenhydraten | Stressstoffwechsel, Unruhe, Reaktivität, erschwerte Serotoninbildung |
Wichtig: Nicht jedes „viel Protein“ ist problematisch. Entscheidend ist immer das Gesamtbild und der individuelle Hund.
Noch einmal kurz die wichtigsten Fragen udn Antworten zusammengefasst:
Macht viel Eiweiß Hunde nervös?
Nein. Diese pauschale Aussage gilt als widerlegt. Eiweiß an sich macht Hunde weder aggressiv noch unkonzentriert. Problematisch kann jedoch eine sehr proteinreiche und gleichzeitig kohlenhydratarme Fütterung sein, wenn sie zu Stressstoffwechsel und einer verminderten Serotoninverfügbarkeit führt.
Sind Kohlenhydrate für Hunde notwendig?
Sie sind nicht lebensnotwendig, können aber funktionell sehr sinnvoll sein – besonders für Gehirnstoffwechsel, Stressregulation und Verhalten. Auch trächtige Hündinnen benötigen viel Glucose.
Betrifft das jeden Hund?
Nein. Sensible, nervöse, sehr aktive oder dauerhaft gestresste Hunde reagieren oft stärker auf diese Zusammenhänge als ruhige, robuste Typen.
Fazit: Proteingehalt und Verhalten gehören zusammen – aber differenziert
Nicht das Eiweiß selbst ist das Problem, sondern ein ungünstiges Verhältnis von Protein zu Kohlenhydraten. Fehlen Kohlenhydrate, kann der Stoffwechsel in einen Stressmodus geraten und gleichzeitig die Serotoninbildung im Gehirn beeinträchtigt werden. Beides kann sich negativ auf Ruhe, Impulskontrolle und Stressresistenz auswirken.
Eine ausgewogene, zum Hund passende Ration unterstützt nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch das emotionale Gleichgewicht.
Wann lohnt sich eine Ernährungsberatung?
Eine individuelle Ernährungsberatung kann sinnvoll sein, wenn:
dein Hund häufig unruhig oder sehr reaktiv ist
du sehr fleischreich und nahezu kohlenhydratfrei fütterst (BARF)
sich das Verhalten nach einer Futterumstellung verändert hat
gesundheitliche Besonderheiten bestehen
Ziel ist immer eine Ration, die den Nährstoffbedarf deckt, den Stoffwechsel entlastet und das Verhalten auf biochemischer Ebene bestmöglich unterstützt.




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