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Calcium und Phosphor beim Welpen: Warum Bedarfswerte unterschiedlich ausfallen können

Autorenbild: Sandra Orkunt
Sandra Orkunt
23. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Sept.

Bei einer aktuellen Rationsberechnung für einen jungen Welpen einer Riesenrasse bin ich über etwas gestolpert, das auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar war: Zwei meiner Futterrechner kamen beim Bedarf des Welpen an Calcium und vor allem beim Phosphor auf deutlich unterschiedliche Werte. Beim Phosphor lag zwischen den Angaben annähernd der Faktor zwei.

Wie kann das sein? Schließlich hat ein Welpe doch einen bestimmten Bedarf. Es können doch nicht gleichzeitig zwei völlig verschiedene Zahlen richtig sein?

Die Antwort darauf ist interessanter, als ich zunächst dachte. Denn sie führt zu der grundsätzlichen Frage, woher die Bedarfswerte für Hunde eigentlich stammen.


Welpen verschiedener Hunderassen – Calcium- und Phosphorbedarf im Wachstum
Welpen wachsen unterschiedlich schnell – entsprechend können sich auch ihre Bedarfswerte für Calcium und Phosphor unterscheiden.

Warum verschiedene Futterrechner zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können


In der Hundeernährung wird häufig mit Empfehlungen des NRC, des National Research Council, gearbeitet. Das NRC veröffentlichte 2006 mit den Nutrient Requirements of Dogs and Cats ein umfangreiches wissenschaftliches Referenzwerk zum Nährstoffbedarf von Hunden und Katzen. Die darin ausgewiesenen Bedarfswerte sind allerdings keine direkt messbaren Naturkonstanten. Man kann einem Welpen schließlich nicht ansehen, dass er heute beispielsweise exakt eine bestimmte Anzahl Milligramm Phosphor benötigt. Der Bedarf wird aus wissenschaftlichen Untersuchungen, Metaanalysen und Berechnungsmodellen abgeleitet.

Je nachdem, welche Datengrundlage und welches Berechnungsmodell verwendet werden, können dabei unterschiedliche Bedarfswerte entstehen.

Bereits 2019 untersuchten Linda Böswald, Carmen Klein, Britta Dobenecker und Ellen Kienzle von der LMU München, wie sich zwei unterschiedliche Methoden zur Berechnung des Calcium- und Phosphorbedarfs wachsender Hunde unterscheiden. Ihre Studie Factorial calculation of calcium and phosphorus requirements of growing dogs ist frei zugänglich. Hier zur Originalstudie https://epub.ub.uni-muenchen.de/81593/1/81593.pdf


Die klassischen NRC-Empfehlungen beruhen zu einem erheblichen Teil auf Daten aus wissenschaftlichen Untersuchungen und Metaanalysen. Beim Calcium stammen wichtige Grundlagen aus Untersuchungen an jungen Hunden großer und sehr großer Rassen, darunter Deutsche Doggen. Für andere Hunde werden diese Empfehlungen anhand des Energiebedarfs auf unterschiedliche Körpergrößen und Wachstumssituationen übertragen.

Die Münchner Wissenschaftlerinnen stellten diesem Verfahren eine faktorielle Berechnung gegenüber. Dabei wird versucht, den Bedarf aus seinen einzelnen Bestandteilen abzuleiten: Wie viel Calcium und Phosphor verliert der Körper? Wie viel neues Gewebe wird aufgebaut und wie viel der beiden Mineralstoffe wird dafür benötigt? Wie gut sind sie verfügbar? Auch Wachstumsgeschwindigkeit und erwartetes Endgewicht können dadurch berücksichtigt werden.


Was die Studie bei kleinen und großen Welpen zeigt

Untersucht wurden rechnerisch Welpen mit einem erwarteten Endgewicht von 5, 10, 20, 35 und 60 Kilogramm in verschiedenen Altersstufen. Beim Calcium lagen beide Berechnungsmethoden bei jungen Welpen sehr großer Rassen erstaunlich dicht beieinander. Bei einem 13 Wochen alten Welpen mit 60 Kilogramm erwartetem Endgewicht betrug die Übereinstimmung 94,2 Prozent. Das ist plausibel, denn gerade Untersuchungen an jungen Deutschen Doggen bildeten auch eine wichtige Grundlage der NRC-Empfehlungen.

Je kleiner die Hunde und je älter sie wurden, desto weiter gingen die Ergebnisse jedoch auseinander. Die aus den NRC-Empfehlungen abgeleiteten Calciumwerte lagen dabei teilweise deutlich über dem faktoriell errechneten Bedarf.

Beim Phosphor war der Unterschied noch wesentlich größer: Selbst die beste Übereinstimmung der beiden Verfahren betrug nur 52,7 Prozent.

Damit wurde auch verständlicher, warum meine beiden Futterrechner zu so unterschiedlichen Zahlen gekommen waren: Zwei unterschiedliche Zahlen bedeuten nicht zwangsläufig, dass einer der Rechner einen simplen Fehler macht. Sie können auf unterschiedlichen wissenschaftlichen Referenzsystemen beruhen. Das bedeutet allerdings auch nicht, dass beide Zahlen den „wahren“ Bedarf exakt treffen. Sie sind unterschiedliche Annäherungen an einen biologischen Bedarf, den wir nicht auf das Milligramm genau kennen können.


Prof. Dr. Jürgen Zentek, Leiter des Instituts für Tierernährung an der Freien Universität Berlin, greift diese Problematik ebenso in seinem Fachbuch Ernährung des Hundes auf.  Er ordnet die Daten ähnlich ein: Bei jungen Welpen großer Rassen stimmen NRC-Empfehlungen und faktorielle Berechnungen noch recht gut überein. Größere Unterschiede betreffen vor allem kleinere Hunde und Hunde ab etwa sechs Monaten.


Warum das Calcium-Phosphor-Verhältnis allein nicht ausreicht

Damit lohnt sich auch ein genauerer Blick auf das Calcium-Phosphor-Verhältnis.

Ein Verhältnis von beispielsweise 1,4 : 1 bedeutet zunächst lediglich, dass 1,4 Teile Calcium auf einen Teil Phosphor kommen. Es sagt noch nicht, ob die absoluten Mengen beider Mineralstoffe zum Welpen passen. Auch zwei zu hohe Werte können rechnerisch in einem perfekten Verhältnis stehen.

Die Autorinnen kamen bei ihrer faktoriellen Berechnung während verschiedener Wachstumsphasen auf unterschiedliche Ca:P-Verhältnisse. Für die praktische Fütterung empfehlen sie dennoch ein weitgehend konstantes Verhältnis um 1,4 : 1, weil die Auswirkungen größerer Schwankungen nicht ausreichend geklärt sind.


Muss eine Welpenration berechnet werden?

Natürlich sind Welpen schon groß geworden, lange bevor es Futterrechner gab und auch ein gebarfter Welpe benötigt keine mathematische Formel, um zu wachsen.

Nur: Wachstum allein beweist noch keine optimale Nährstoffversorgung. Sowohl zu wenig als auch zu viel Calcium kann die Skelettentwicklung beeinträchtigen, und gerade schnell wachsende große und sehr große Hunde reagieren empfindlich auf ungünstige Kombinationen aus Mineralstoff- und Energieversorgung.


Bei einer selbst zusammengestellten Welpenration halte ich eine Berechnung deshalb für sinnvoll. Nicht, weil sich ein lebender Organismus auf das Milligramm genau berechnen ließe, sondern weil man damit erkennen kann, ob eine Ration grundsätzlich in einem plausiblen Bereich liegt und wo relevante Über- oder Unterversorgungen entstehen könnten.


Bei einem guten Welpen-Alleinfutter übernimmt diese Aufgabe grundsätzlich der Hersteller. Auch hinter der jeweiligen Rezeptur stehen dann entsprechende Nährstoffprofile und Berechnungen. Beispielsweise unterscheiden die aktuellen FEDIAF-Empfehlungen zwischen verschiedenen Wachstumsphasen und berücksichtigen bei Calcium auch die Größe des Hundes.

Genau hier liegt für mich die wichtigste Erkenntnis aus meiner kleinen Suche: Ein Futterrechner liefert Zahlen. Die eigentliche Arbeit besteht darin, sie einzuordnen. Alter, erwartetes Endgewicht, Wachstumsgeschwindigkeit, Energieaufnahme und die verwendete Berechnungsgrundlage gehören zusammen.

Gerade große Abweichungen zwischen zwei Berechnungen sind deshalb kein Grund, sich blind für eine Zahl zu entscheiden. Sie sind ein Anlass, nachzusehen, wie der jeweilige Wert zustande gekommen ist. Interessant ist, dass selbst so etwas Grundlegendes wie die Mineralstoffversorgung eines Organismus nicht 100%ig absolut in Zahlenwerten ausgedrückt werden kann.


Quellen und zum Weiterlesen

Böswald LF, Klein C, Dobenecker B, Kienzle E. (2019), Factorial calculation of calcium and phosphorus requirements of growing dogs, PLOS ONE 14(8): e0220305.  

Jürgen Zentek, Ernährung des Hundes, S. 95–96.

Eine gut verständliche weiterführende Darstellung zum Thema stammt außerdem von Linda Böswald und Britta Dobenecker selbst: Calcium und Phosphor – die richtige Balance

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