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Calcium-Phosphor-Verhältnis beim Hund: Warum es auch für die Verdauung wichtig ist

Autorenbild: Sandra Orkunt
Sandra Orkunt
vor 13 Stunden
11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 17 Minuten

Das Calcium-Phosphor-Verhältnis beim Hund wird meist im Zusammenhang mit Knochen und Wachstum betrachtet. Weniger bekannt ist, dass Calcium bereits im Verdauungstrakt verschiedene Funktionen übernimmt.

Schon im Magen-Darm-Trakt ist Calcium Teil eines komplexen Systems aus Nährstofferkennung, Verdauungshormonen, Flüssigkeitstransport und Wechselwirkungen mit anderen Bestandteilen der Nahrung.

Fehlt Calcium, wird vor allem vor langfristigen Schäden am Skelett gewarnt. Doch die Frage ist: Passiert vorher wirklich nichts? Man ahnt es schon: So einfach ist es nicht.


Warum dieses Thema oft übersehen wird

In der Hundeernährung richtet sich der Blick bei selbst zusammengestellten Rationen oder Ausschlussdiäten häufig zuerst auf Proteinquelle, Fettgehalt, Verträglichkeit oder einzelne Zusätze. Die Mineralstoffversorgung gerät dabei schnell in den Hintergrund. Gerade die Rolle von Calcium direkt im Verdauungstrakt wird deutlich seltener thematisiert.

Warum ich das als Ernährungsberaterin wichtig finde

In der Ernährungsberatung sehe ich immer wieder Rationen, die aus Fleisch, Gemüse oder Kohlenhydratquellen bestehen, aber keine passende Calciumquelle enthalten. Solche Rationen können auf den ersten Blick gut verträglich wirken und trotzdem ernährungsphysiologisch unausgewogen sein.

Deshalb gehört für mich die Mineralstoffversorgung von Anfang an zur Beurteilung einer Ration – gerade dann, wenn ein Hund bereits Verdauungsprobleme hat oder über mehrere Wochen eine reduzierte Ausschlussdiät erhält.


Kurz zusammengefasst: Warum Calcium auch für die Verdauung wichtig ist

Calcium spielt bereits während der Verdauung mehrere Rollen:

  1. Calcium wird im Darm wahrgenommen.

    Über Rezeptoren wie den CaSR registriert der Verdauungstrakt Calcium und andere Nährstoffsignale, v.a. das Vorhandensein von Proteinen.

  2. Calcium unterstützt die Verdauungskoordination.

    Es wirkt mit Aminosäuren und Verdauungshormonen zusammen und beeinflusst damit die Verarbeitung einer Mahlzeit.

  3. Calcium verändert das Darmmilieu.

    Es kann mit Fettsäuren, Phosphat und Gallensäuren wechselwirken und beeinflusst so, in welcher Form diese Stoffe im Darminhalt vorliegen.

  4. Calcium ist Teil von Signalwegen für Darmfunktion und Barriere.

    Dazu gehören unter anderem Flüssigkeitstransport, Motilität und die Stabilität der Darmschleimhaut und -gesundheit.


Deshalb ist eine über Wochen gefütterte Fleisch-Gemüse- oder Fleisch-Kohlenhydrat-Ration ohne geeignete Calciumquelle nicht nur im Hinblick auf die Knochen unausgewogen. Auch für die Verdauungsphysiologie fehlt ein wichtiger Bestandteil der Grundversorgung.


Fleisch enthält viel Phosphor – aber kaum Calcium

Muskelfleisch liefert Protein, verschiedene Mineralstoffe und reichlich Phosphor. Calcium ist dagegen nur in sehr geringen Mengen enthalten.

Wird eine Mahlzeit beispielsweise aus Fleisch + Kartoffeln oder Reis bzw. Gemüse + Öl

zusammengestellt, entsteht ohne Ergänzung typischerweise ein starkes Missverhältnis zwischen Calcium und Phosphor.

Welche Calciumquelle geeignet ist und in welcher Menge sie eingesetzt werden sollte, hängt von der gesamten Ration ab. Einen ausführlichen Überblick zu Calciumbedarf, Calciumquellen und Supplementen finden Sie in meinem Beitrag zur Kalziumversorgung beim Hund.


Wie sieht das Calcium-Phosphor-Verhältnis bei Fleisch tatsächlich aus?

Muskelfleisch enthält durchaus Mineralstoffe – nur Calcium gehört nicht gerade zu seinen Stärken. Gleichzeitig liefert es vergleichsweise viel Phosphor. Dadurch entsteht bei knochenlosem Fleisch ein deutliches Ungleichgewicht.

Einige Beispiele pro 100 g Rohware zeigen die Größenordnung:

Lebensmittel

Calcium

Phosphor

Ca:P-Verhältnis

Hühnerbrustfilet, ohne Haut

4 mg

250 mg

ca. 1 : 63

Rinderhack, ca. 4,5 % Fett

3 mg

165 mg

ca. 1 : 55

Rinderhack, ca. 13 % Fett

7 mg

151 mg

ca. 1 : 22

Seelachs

15 mg

235 mg

ca. 1 : 16

Die Werte zeigen sehr deutlich, dass selbst zwischen verschiedenen Fleisch- und Fischsorten erhebliche Unterschiede bestehen können – das grundlegende Muster bleibt jedoch gleich: Knochenloses tierisches Gewebe liefert wesentlich mehr Phosphor als Calcium.

Auch der Fettgehalt spielt dabei eine Rolle. Fettreicheres Fleisch enthält pro 100 g weniger reines Muskelgewebe und damit häufig auch etwas weniger Phosphor.


Das sieht man beispielsweise beim Rinderhack: Bei etwa 4,5 % Fett stehen 3 mg Calcium rund 165 mg Phosphor gegenüber, bei etwa 13 % Fett sind es 7 mg Calcium und 151 mg Phosphor.

Das sollte allerdings nicht so verstanden werden, dass fettreiches Fleisch das Calcium-Phosphor-Problem löst. Ein Verhältnis von etwa 1 : 22 ist immer noch weit von einem physiologisch sinnvollen Verhältnis entfernt. Fett liefert schließlich kein Calcium, sondern verändert vor allem die Zusammensetzung des Lebensmittels pro 100 g.

Interessant ist auch der Seelachs: Mit etwa 15 mg Calcium enthält er zwar mehr Calcium als Hühnerbrust oder Rinderhack, gleichzeitig aber rund 235 mg Phosphor. Auch hier liegt das Verhältnis deshalb noch bei ungefähr 1 : 16.

Die konkreten Werte schwanken je nach Tierart, Teilstück, Fettgehalt, Herkunft und Analysenmethode. Für die Rationsgestaltung ist deshalb weniger entscheidend, ob ein Lebensmittel ein Caältnis von 1 : 20 oder 1 : 50 aufweist. Entscheidend ist die Größenordnung:

Fleisch oder Fisch allein können die Calciumversorgung einer selbst zubereiteten Ration in aller Regel nicht ausgleichen


Beim Hund sollte Calcium in der Gesamtration ungefähr gleich hoch bis etwas höher als Phosphor liegen. Ein Verhältnis um etwa 1,1–2:1 gilt für erwachsene Hunde als sinnvoll. Für Welpen und Junghunde ist das deutlich kritischer, weil dort nicht nur das Verhältnis, sondern vor allem die absolute Calciumzufuhr sehr eng passen muss.

Bei einer dauerhaften Fütterung ist die Konsequenz bekannt: Der Organismus muss seinen Calciumhaushalt regulieren und kann dafür langfristig Calcium nur aus dem Skelett als Calciumquelle mobilisieren. Interessant ist jedoch auch, wie schnell diese Regulation beginnt.


In einer Untersuchung an Hunden führte bereits eine dreiwöchige calciumarme Ernährung zu einem signifikanten Anstieg des Parathormons PTH. Das ionisierte Calcium im Blut blieb dabei noch unverändert. Der Körper hatte also längst auf die niedrige Calciumversorgung reagiert, obwohl der übliche Calcium-Blutwert noch vollkommen unauffällig war.

Das ist ein wichtiger Punkt:

Ein normaler Calciumwert im Blut bedeutet nicht automatisch, dass die Fütterung ausreichend Calcium liefert.

Der Körper versucht diesen Wert gerade deshalb so stabil zu halten, weil Calcium für zahlreiche lebenswichtige Prozesse benötigt wird.

Aber es gibt noch eine zweite Ebene, die bei der Fütterung häufig kaum berücksichtigt wird.


Hund frisst calciumhaltiges Futter als Beispiel für Calciumquellen in der Hundeernährung
Ein Hund frisst aus einer kleinen Schale Joghurt - ein calciumhaltiges Milchprodukt.

Wie beeinflusst das Calcium-Phosphor-Verhältnis beim Hund die Verdauung?

Bevor Calcium ins Blut gelangt, befindet es sich mit der Nahrung im Magen und Darm.

Und dort ist es keineswegs nur ein Stoff, der darauf wartet, aufgenommen zu werden.

Die Schleimhaut des Verdauungstraktes besitzt spezielle Sensoren, unter anderem den sogenannten Calcium-Sensing-Receptor – kurz CaSR.

Man kann sich diesen Rezeptor vereinfacht wie einen Sensor vorstellen, der Informationen über die Zusammensetzung des Darminhaltes wahrnimmt.

Das Besondere daran: Er reagiert nicht nur auf Calcium.

Auch bestimmte Aminosäuren und kleine Eiweißbestandteile können diesen Rezeptor beeinflussen. Der Verdauungstrakt kann damit gewissermaßen gleichzeitig wahrnehmen:

Wie viel Calcium ist vorhanden? Welche Eiweißbausteine kommen an?

Der CaSR sitzt an verschiedenen Stellen im Magen-Darm-Trakt – im Magen ebenso wie im Dünn- und Dickdarm. Dort hilft er dem Körper dabei, Informationen über die Zusammensetzung einer Mahlzeit zu erfassen.

Er ist unter anderem an der Steuerung von Verdauungshormonen beteiligt und beeinflusst Prozesse wie den Flüssigkeitstransport durch die Darmschleimhaut sowie weitere Mechanismen, die das Gleichgewicht im Darm stabil halten.

Gerade bei einer fleischreichen Mahlzeit ist das interessant: Calcium und Eiweißbausteine werden im Verdauungstrakt nicht getrennt voneinander wahrgenommen.


Protein und Calcium werden nicht völlig unabhängig voneinander verarbeitet

Fleisch wird während der Verdauung in Peptide und Aminosäuren zerlegt. Diese sind nicht nur Bausteine, die anschließend aufgenommen werden. Sie dienen gleichzeitig als Signale für den Verdauungstrakt.

Bestimmte Aminosäuren – beispielsweise Phenylalanin und Tryptophan – können über den Calcium-Sensing-Receptor die Ausschüttung gastrointestinaler Hormone beeinflussen. Extrazelluläres Calcium kann diese Signale unterstützen.

Eines dieser Hormone ist Cholecystokinin, kurz CCK.

CCK wird nach einer Mahlzeit im oberen Dünndarm freigesetzt und hilft dabei, verschiedene Verdauungsabläufe miteinander zu koordinieren. Es beeinflusst unter anderem die Gallenblase, die pankreatische Sekretion, die Magenentleerung und die Sättigung.

Untersuchungen zeigen, dass der CaSR an der Wahrnehmung von Aminosäuren und Peptiden beteiligt ist und darüber auch die Freisetzung von CCK mit beeinflussen kann.

Daraus lässt sich nicht ableiten, dass eine calciumarme Mahlzeit direkt die Bauchspeicheldrüsenfunktion stört. Interessant ist vielmehr etwas anderes:

Calcium und Eiweißverdauung sind auf Ebene der gastrointestinalen Nährstofferkennung enger miteinander verknüpft, als man zunächst vermuten würde.

Bei Fleischrationen schaut man häufig vor allem auf Proteinmenge, Fleischsorte und Fettgehalt. Dabei gehört auch Calcium zu den Signalen, die der Verdauungstrakt bei der Verarbeitung einer proteinreichen Mahlzeit mit einbezieht.


Calcium beeinflusst auch Fett und Gallensäuren im Darm

Noch unmittelbarer ist ein anderer Effekt: Im Darminhalt kann Calcium mit verschiedenen Stoffen reagieren. Dazu gehören insbesondere freie Fettsäuren, Phosphat und Gallensäuren.

Calcium kann mit diesen Verbindungen schwer lösliche Komplexe bilden. Dadurch verändert sich, welcher Anteil frei beziehungsweise gelöst im Darminhalt vorliegt.

Das ist keine theoretische Reaktion aus dem Chemiebuch. Studien zeigen tatsächlich, dass eine Veränderung der Calciumzufuhr auch die Ausscheidung von Fett und Gallensäuren verändern kann. Auch beim Hund wurde gezeigt, dass unterschiedliche Calciumgehalte einer Nahrung die Nährstoff- und Fettverdaulichkeit beeinflussen können.

Nun bedeutet es nicht, dass möglichst viel Calcium besonders gut für die Verdauung wäre, denn auch das Gegenteil ist möglich: Übermäßig hohe Calciummengen können die Verdaulichkeit verschiedener Nährstoffe verschlechtern.

Wir sollten immer im Blick behalten:

Calcium ist Bestandteil des chemischen Milieus im Darm.

Fehlt es nahezu vollständig in einer Mahlzeit, fehlt damit auch diese Möglichkeit der Komplexbildung und besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die Gallensäuren als unverzichtbare Bestandteile der Fettverdauung. Sie wirken wie biologische Detergenzien (ähnlich "Spülmitteln"): Sie ermöglichen es, Fette im wässrigen Darminhalt zu verteilen, zu emulgieren und anschließend aufzunehmen.

Gelangen bestimmte Gallensäuren oder freie Fettsäuren jedoch in höheren Konzentrationen in den Dickdarm, können sie dort die Schleimhaut beeinflussen. Untersuchungen aus Human- und Tiermodellen zeigen, dass Calcium solche frei vorliegenden Verbindungen binden und damit deren Konzentration im sogenannten Fäkalwasser reduzieren kann.

Die konkreten klinischen Auswirkungen einer calciumarmen Ration auf die Dickdarmschleimhaut des Hundes sind bislang nicht ausreichend untersucht.

Die zugrunde liegende Chemie zeigt jedoch deutlich:

Calcium nimmt bereits innerhalb des Darminhaltes Einfluss darauf, in welcher Form Fettbestandteile, Phosphat und Gallensäuren vorliegen.

Dafür muss kein monatelanger Calciummangel entstanden sein – diese Vorgang beginnt mit jeder Fütterung.


Calcium und Gallensäuren – warum das zusammengehört

Gallensäuren sind für die Fettverdauung unverzichtbar. Normalerweise werden sie im letzten Abschnitt des Dünndarms größtenteils wieder aufgenommen und erneut verwendet.

Gelangen jedoch größere Mengen bis in den Dickdarm, können sie dort Wasser- und Elektrolytbewegungen fördern, die Schleimhaut reizen und Durchfall begünstigen. Genau das spielt beim sogenannten Gallensäureverlustsyndrom eine Rolle.

Calcium beeinflusst zwar nicht die eigentliche Rückresorption der Gallensäuren im Dünndarm. Es kann aber im Darminhalt dazu beitragen, Gallensäuren beziehungsweise gallensäurehaltige Komplexe zu binden und damit ihre freie Verfügbarkeit zu verändern.

Wer also über Gallensäuren, Fettverdauung und chronischen Durchfall spricht, sollte auch die Mineralstoffversorgung der Ration mit im Blick haben.

Eine zu geringe Calciumversorgung verursacht kein Gallensäureverlustsyndrom. Sie verändert aber einen Teil des chemischen Milieus, in dem Gallensäuren im Darm wirken. Genau deshalb gehört Calcium auch bei solchen Fragestellungen zur Gesamtbetrachtung der Ration.


Calcium-Sensoren beeinflussen auch Flüssigkeit und Darmbarriere

Der Calcium-Sensing-Receptor spielt auch bei der Regulation von Wasser- und Elektrolyttransport im Darm eine Rolle. Seine Aktivierung kann dazu beitragen, Flüssigkeitsverluste zu begrenzen und die Aufnahme im Darm zu unterstützen.

Auch die Darmbarriere hängt mit diesem Signalweg zusammen. In Zell- und Tiermodellen zeigte sich, dass CaSR-Signale die Verbindungen zwischen den Darmzellen unterstützen und entzündliche Prozesse beeinflussen können. Eine gestörte Barrierefunktion wird häufig unter dem Begriff „Leaky Gut“ zusammengefasst.

Für den Hund heißt das nicht, dass eine calciumarme Ration automatisch zu „Leaky Gut“ oder Durchfall führt, denn der CaSR reagiert schließlich nicht nur auf das Mineral, sondern auch auf Aminosäuren, Peptide und weitere Nährstoffsignale.

Trotzdem wird auch hier deutlich: Calcium gehört zur normalen Regulation von Darmfunktion und Schleimhautbarriere – nicht nur zum Knochenstoffwechsel.


Kann eine calciumarme Ration deshalb Verdauungsprobleme verursachen?

Hier ist eine differenzierte Antwort notwendig. Wir können derzeit nicht seriös behaupten, dass zu wenig Calcium im Futter beim Hund nach drei Wochen Durchfall, Sodbrennen oder Magenschmerzen verursachen würde.

Hierfür fehlen entsprechende kontrollierte Untersuchungen an Hunden. Man kann aber ebenso wenig sagen, dass drei oder vier Wochen ohne Calciumquelle für den Verdauungstrakt überhaupt keine Rolle spielen und vernachlässigungswürdig sind, denn hiergegen spricht schon die Physiologie und Körperchemie.


Bei jeder Mahlzeit verändert die Menge des vorhandenen Calciums das Milieu im Verdauungstrakt. Es wirkt auf die Nährstoffsensoren, steht in Wechselwirkung mit Aminosäuren, kann Fettsäuren, Phosphat und Gallensäuren binden und ist Teil von Signalwegen, die Flüssigkeitstransport, Motilität, Hormonsekretion und Barrierefunktion beeinflussen.

Gleichzeitig weiß man, dass der Körper bereits innerhalb von drei Wochen einer ausgeprägt calciumarmen Fütterung hormonell gegenreguliert.

Daraus ergibt sich: Eine über mehrere Wochen (wie bei einer unbilanzierten Ausschlussdiät) gefütterte, praktisch calciumfreie Ration ist keine physiologisch neutrale Übergangslösung.

Besonders relevant kann dies bei Hunden sein, deren Verdauung ohnehin empfindlich oder bereits gestört ist.


Gerade beim empfindlichen Hundedarm lohnt sich ein genauer Blick auf die gesamte Futterration

Bei einem gesunden erwachsenen Hund muss eine wenige Tage dauernde Schonkost aus wenigen Zutaten nicht automatisch zum Problem werden.

Etwas anderes ist es, wenn aus einer kurzfristigen Übergangsration unbemerkt eine Ernährung über mehrere Wochen und sogar Monaten wird.

Dann können beispielsweise gleichzeitig vorliegen:

  • eine hohe Protein- und Phosphorzufuhr über Fleisch,

  • sehr wenig Calcium (zuemist nur aus pflanzlichen Quellen oder Milchprodukten)

  • Fett und entsprechende Gallensäuresekretion,

  • eine stark eingeschränkte Mineralstoffversorgung

  • und eventuell bereits bestehende Veränderungen von Verdauung, Darmbarriere oder Mikrobiom.

Gerade bei einem Hund mit wiederkehrendem Durchfall, wechselnder Kotkonsistenz, Bauchbeschwerden oder anderen gastrointestinalen Symptomen sollte man deshalb nicht ausschließlich fragen, welches Protein er wohl verträgt oder nicht sondern eher die Frage stellen „Ist die gesamte Ration physiologisch sinnvoll zusammengesetzt?“

Denn Verträglichkeit und Bedarfsdeckung sind zwei verschiedene Dinge.

Ein Futter kann aus Zutaten bestehen, die ein Hund augenscheinlich gut verträgt – und trotzdem ernährungsphysiologisch unausgewogen sein.


Bedeutet das: Einfach mehr Calcium geben?

Nein, denn selbstverständlich kann auch Calcium überdosiert werden. Eine sehr hohe Calciumzufuhr verändert wiederum die Verfügbarkeit anderer Mineralstoffe, wie bspw. Magnesium (aber auch Zink, Eisen und Kupfer) und kann die Fett-, Protein- und Energieverdaulichkeit beeinflussen.

Deshalb geht es nicht darum, Calcium möglichst großzügig zu ergänzen, sondern darum, eine zur Gesamtration passende Versorgung herzustellen.

Bei einer fleischreichen Ration kommen dafür beispielsweise Calciumcarbonat, geeignetes Eierschalenpulver oder andere definierte calciumreiche und phosphorarme Ergänzungen infrage. Ob sie passen und in welcher Menge, hängt von der gesamten Ration ab.

Auch das Calcium-Phosphor-Verhältnis allein reicht für eine Beurteilung nicht aus. Eine Ration kann rechnerisch ein schönes Verhältnis aufweisen und trotzdem von beiden Mineralstoffen zu wenig enthalten.

Entscheidend sind deshalb immer:

  • die absolute Calciumzufuhr,

  • die absolute Phosphorzufuhr

  • und ihr Verhältnis zueinander.


Calcium ist eben nicht nur „für die Knochen“

Die bekannten Folgen eines längerfristigen Calciummangels – hormonelle Gegenregulation, Mobilisierung von Calcium aus dem Skelett und schließlich Veränderungen der Knochen – bleiben wichtig.

Aber sie erzählen nur den letzten Teil des Ganzen.

Calcium begegnet dem Organismus viel früher: bereits während der Mahlzeit im Verdauungstrakt.

Dort gehört es zum chemischen Milieu des Darminhaltes, beeinflusst die Form, in der bestimmte Fettsäuren und Gallensäuren vorliegen, und ist Teil komplexer Systeme zur Erkennung und Verarbeitung von Nährstoffen.

Wie stark sich eine kurzfristig calciumarme Ernährung bei einem einzelnen Hund klinisch auf die Verdauung auswirkt, lässt sich heute noch nicht zuverlässig vorhersagen.

Dass sie jedoch bereits nach wenigen Wochen ernährungsphysiologisch relevant ist, ist wesentlich besser belegt.

Und genau deshalb sollte aus einer einfachen Übergangsration aus Fleisch und Kohlenhydraten nicht unbemerkt eine dauerhafte Fütterung werden.


Sie füttern Ihren Hund selbst gekocht oder über längere Zeit eine reduzierte Ration?

Dann kann eine Rationsüberprüfung zeigen, ob Calcium, Phosphor und die übrigen Nährstoffe tatsächlich zur Futtermenge und zum individuellen Bedarf Ihres Hundes passen.


napfnatura • nachvollziehbar füttern

Ernährungsberatung für Hunde

Sandra Orkunt




Studien & Quellen:


Die Studienlage zeigt zwei Ebenen: Beim Hund ist bereits nach wenigen Wochen einer calciumarmen Ernährung eine systemische Gegenregulation nachweisbar. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen zur gastrointestinalen Physiologie, dass Calcium schon während der Mahlzeit an Nährstofferkennung sowie an Wechselwirkungen mit Fett, Phosphat und Gallensäuren beteiligt ist. Nicht alle dieser Mechanismen sind bislang spezifisch am Hund untersucht – deshalb werden Human- und Grundlagenstudien entsprechend gekennzeichnet.

Diese Studien beweisen nicht, dass ein ungünstiges Ca:P-Verhältnis beim Hund nach drei Wochen zwangsläufig Durchfall, Sodbrennen oder andere konkrete Symptome verursacht. Sie belegen aber sehr gut, dass Calcium bereits kurzfristig physiologisch im Verdauungssystem relevant ist.


  • Cloutier et al., 1990 – Hundestudie Zwölf Hunde erhielten eine stark calciumarme Diät mit 0,08 % Calcium. Bereits nach drei Wochen waren sowohl basale als auch stimulierte PTH-Werte erhöht, während das ionisierte Calcium im Blut unverändert blieb. Die Studie zeigt damit direkt am Hund, dass eine deutliche Calciumunterversorgung innerhalb weniger Wochen messbare hormonelle Gegenregulation auslösen kann. Studie bei PubMed

  • Anjom-Shoae et al., 2026 – Übersichtsarbeit zum Calcium-Sensing-Receptor (CaSR) Die Review fasst präklinische und klinische Arbeiten zum CaSR im Gastrointestinaltrakt zusammen. Der Rezeptor reagiert sowohl auf extrazelluläres Calcium als auch auf bestimmte Aminosäuren; Calcium kann dabei die durch Aminosäuren ausgelöste Freisetzung gastrointestinaler Hormone wie CCK, GLP-1 und PYY verstärken. Damit ist Calcium Teil der gastrointestinalen Nährstofferkennung und nicht lediglich ein Mineralstoff, der nach der Verdauung aufgenommen wird. Review bei PubMed

  • Nybroe, Astrup & Bjørnvad, 2016 – Hundestudie In einem Crossover-Versuch mit elf Hunden wurden jeweils 14 Tage lang Kontrollfutter, Futter mit Leinsamen-Mucilage oder Futter mit Leinsamen-Mucilage plus Calcium gefüttert. Die scheinbare Fettverdaulichkeit sank von 96,9 % in der Kontrolle auf 94,5 % mit Mucilage und auf 92,9 % bei Mucilage plus Calcium. Calcium verstärkte damit in diesem Versuchsaufbau den Effekt der Mucilage auf die Fettverdaulichkeit. Die Studie zeigt, dass Veränderungen des Calciumangebotes innerhalb kurzer Zeit mit messbaren Veränderungen der Fettverdauung verbunden sein können; sie untersucht Calcium jedoch nicht isoliert. Studie bei PubMed

  • Van der Meer et al., 1990 – Humanstudie zum Darmlumen Bei zwölf gesunden Männern erhöhte zusätzliches Calcium die fäkale Ausscheidung von Phosphat um 31 % und von Gallensäuren um 53 %. Die Untersuchungen zeigten, dass sich im Darmlumen schwer lösliches Calciumphosphat bildet und dadurch Gallensäuren gebunden werden können. Das ist ein direkter Beleg dafür, dass Calcium die chemischen Verhältnisse im Darminhalt beeinflusst. Studie bei PubMed

  • Govers et al., 1996 – Humanstudie zu kurzfristigen luminalen Effekten In einer einwöchigen Crossover-Untersuchung mit 13 gesunden Männern führte die höhere Calciumzufuhr zu einer deutlich stärkeren Ausscheidung von Fett, freien Fettsäuren und Gallensäuren. Gleichzeitig waren die Konzentrationen langkettiger Fettsäuren und sekundärer Gallensäuren im Fäkalwasser ungefähr halbiert. Die Studie zeigt damit, dass Calcium das luminale Milieu innerhalb weniger Tage messbar verändern kann. Studie bei PubMed

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