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Natürliche Entwurmung beim Hund: Zwischen Wurmfarn und Kamala moderner Parasitenkontrolle

  • Autorenbild: Sandra Orkunt
    Sandra Orkunt
  • 24. Juli
  • 14 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Naturheilkunde oder moderne Parasitenkontrolle?

Im Jahr 1775 kaufte die französische Krone ein geheimes Rezept gegen die Plage ganzer Jahrhunderte: Bandwürmer. Es stammte von Madame Nouffer, der Witwe eines Schweizer Wundarztes, der für seine Behandlungen weit über seine Heimat hinaus bekannt geworden war.

Die geheime Zutat des Wundermittels wuchs nicht in einem fernen Land. Es stand im Schatten europäischer Wälder: es war der Wurmfarn!

Verwendet wurde der Wurzelstock des Echten Wurmfarns, Dryopteris filix-mas. Das Pflanzenpulver wurde eingenommen und anschließend mit einem kräftigen Abführmittel kombiniert. Der Farn sollte den Bandwurm schädigen, das Abführmittel ihn aus dem Darm treiben. Nachdem das Rezept veröffentlicht worden war, fand der Wurmfarn für lange Zeit Eingang in medizinische und veterinärmedizinische Arzneibücher.

Sanft war diese Behandlung sicherlich nicht und auch keine neue Entdeckung, denn Pflanzen, die auf Würmer wirkten sidn in der volkheilkunde seit Jahrhunderten bekannt.

Der Wurmfarn kann Würmer lähmen oder töten. Er kann aber auch den Patienten vergiften. Überdosierungen führten damals häufig zu schweren Magen-Darm-Beschwerden, Kreislauf- und Nervensymptomen, Sehstörungen und in einzelnen Fällen zum Tod. Bei Tieren wurden nach hohen Aufnahmen auch Schädigungen des Sehnervs beschrieben.

Wer heute bei einem Waldspaziergang zwischen den ausladenden Wedeln eines Wurmfarns steht, sieht deshalb mehr als eine stattliche Schattenpflanze. Er steht vor einem Stück Arzneimittelgeschichte – und vor einer Pflanze, die uns eine wichtige Frage stellt:

Kann man einen Hund tatsächlich natürlich entwurmen?

Die Antwort lautet weder schlicht Ja noch schlicht Nein.

Pflanzen können Würmer "beeinflussen". Manche Kräuter wurden über Jahrhunderte genau dafür eingesetzt, und für einige lassen sich pharmakologische Wirkungen durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig sind nicht alle Wurmkräuter sicher, nicht alle wirken gegen dieselben Parasitenarten und nicht jede moderne Kräutermischung ist ein zuverlässiges Entwurmungsmittel.

Zwischen einem bitteren Futterzusatz, einem abführenden Pflanzenpulver und einem Arzneimittel, das eine definierte Wurmart beseitigt, liegen erhebliche Unterschiede.


Warum viele Hundehalter nach einer natürlichen Entwurmung suchen

Hinter dem Wunsch, natürlich zu entwurmen, steckt meist keine Leichtfertigkeit.

Viele Hundehalter möchten ihren Hund nicht ohne Anlass in festen Abständen mit einem Arzneimittel behandeln. Sie möchten wissen, ob überhaupt ein Befall besteht, den Darm nicht unnötig belasten und zugleich verantwortungsvoll mit möglichen Resistenzen und Umweltauswirkungen umgehen.

Andere haben erlebt, dass ihr Hund nach einer Entwurmung mit Durchfall, Übelkeit oder einer vorübergehend empfindlichen Verdauung reagiert. Und manche möchten naturheilkundliche Verfahren grundsätzlich nicht erst dann berücksichtigen, wenn ein Problem entstanden ist.

Diese Fragen sind berechtigt.

Schwierig wird es erst, wenn sehr unterschiedliche Ziele unter dem Begriff „natürliche Entwurmung“ zusammengefasst werden: Eine Pflanze kann Würmer direkt schädigen und sie kann vor allem abführend wirken und damit die Ausscheidung fördern. Sie kann Verdauung unterstützen und die Darmschleimhaut vor den Parasiten schützen . Oder sie kann Teil einer Fütterung sein, die den gesamten Organismus widerstandsfähiger hält.

Das ist nicht dasselbe – bei Mitteln zur natürlichen Entwurmung greifen aber oftmals genau solche Überlegungen, auch wenn die Besitzer eigentlich davon ausgehen, dass die Würmer am besten vollständig abgetötet werden.


Als Wurmmittel noch aus Wald und Apotheke kamen

Vor der Entwicklung moderner Anthelminthika (Medikamente gegen parasitäre Wurminfektionen) waren Menschen auf pflanzliche Mittel angewiesen. Das Wissen über einige von ihnen wurden über Generationen weitergegeben, andere Pflanzen und Kräutermischungen fanden Eingang in Apotheken und veterinärmedizinische Lehrbücher.

Neben dem Wurmfarn wurden unter anderem Wermut, Beifuß, Rainfarn, Granatapfelrinde, Kousso, Santoninkraut und Kamala verwendet. Alte Arzneibücher führten Wurmfarn und Kamala teilweise nebeneinander oder sogar kombiniert gegen Bandwürmer auf.

Viele dieser Mittel folgten demselben Prinzip: Der Parasit sollte gelähmt oder geschädigt und so geschwächt werden, dass er anschließend möglichst schnell aus dem Darm entfernt werden. Hierzu wurden häufig drastische Abführmittel verwendet, die ebenfalls den Darm stark reizten und so die Würmer regelrecht "austrieben".

Eine historische „natürliche Wurmkur“ war deshalb oft keine behutsame Begleitung des Darms. Ganz im Gegenteil: Sie war ein kurzer, pharmakologisch kräftiger Eingriff. Die Grenze zwischen wirksamer Dosis und Vergiftung konnte jedoch sehr schmal sein.

Dass diese Mittel pflanzlichen Ursprungs waren, machte sie nicht frei von Chemie. Im Gegenteil: Gerade ihre chemisch aktiven Inhaltsstoffe begründeten ihre Wirkung.


Wurzelstock udn Blätter des Wurmfarns auf einem Tisch mit einer kleinen, braunen Arzneiflasche
Wurzelstock des Wurmfarns

Der Wurmfarn: wirksam genug, um gefährlich zu sein

Der Name Wurmfarn ist kein Zufall. Verwendet wurde vor allem der kräftige, mit braunen Schuppen besetzte Wurzelstock. Er enthält verschiedene Phloroglucinverbindungen, die auf Bandwürmer einwirken können. Diese Verbindungen sind Muskelgifte, die zu einer lähmenden Verkrampfung der Bandwürmer führen, wodurch sie den Halt im Darm verlieren.

Die historische Erfahrung war offenbar überzeugend genug, dass der Farn über Jahrhunderte eingesetzt wurde. Noch 1856 erschien ein medizinischer Fachbeitrag über die Behandlung von Bandwürmern mit Wurmfarnöl.

Heute wird untersucht, ob Farne auch gegenüber solchen Würmern interessant sein könnten, die gegen moderne Wirkstoffe weniger empfindlich geworden sind. In einer Studie von 2023 zeigten Extrakte mehrerer europäischer Farnarten im Labor und ex vivo Wirkungen gegen den Roten Magenwurm Haemonchus contortus, darunter auch gegen einen resistenten Stamm. Daraus lässt sich jedoch keine sichere Anwendung beim Hund ableiten: Untersucht wurden Extrakte, ein Parasit der Wiederkäuer und Versuchssysteme außerhalb eines behandelten Hundes.

Der Wurmfarn bleibt damit eine bemerkenswerte Arzneipflanze – aber keine Pflanze für die heutige Selbstbehandlung eines Hundes.

Seine Geschichte zeigt vielmehr, was bei allen Wurmkräutern gilt:

Eine Pflanze kann tatsächlich antiparasitär wirken und trotzdem als Hausmittel ungeeignet sein.


Ein Kamala-Baum mit roten Früchten
Aus den Fruchthaaren der Kamal-Früchte wird ein Pulver gegen Würmer hergestellt.

Kamala: ein rotes Pulver mit sichtbarer Wirkung

Kamala sieht zunächst beinahe unscheinbar aus: ein feines, ziegelrotes Pulver, das von den Drüsenhaaren auf den Fruchtkapseln des asiatischen Baumes Mallotus philippensis gewonnen wird.

Historisch wurde Kamala vor allem gegen Bandwürmer eingesetzt. Anders als viele heutige Kräutermischungen war es nicht lediglich zur allgemeinen Unterstützung der Verdauung gedacht. Es war eine pflanzliche Wurmdroge mit deutlicher abführender Wirkung.

In einem Versuch an mit Bandwürmern befallenen Ratten führte ein Kamalaharz zu flüssigem Kot und wirkte dosisabhängig auf die vorhandenen Bandwürmer. Bei der höheren geprüften Dosis wurden rund 78 Prozent der Wurmmasse getötet oder aus dem Dünndarm verdrängt. Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass die abführende Wirkung die Ausscheidung der geschädigten Würmer unterstützte.

Gleichzeitig wirkt Kamala nicht gegen jeden Darmparasiten gleichermaßen. In einer Untersuchung an Ziegen erwies sich das Fruchtpulver gegen Magen-Darm-Nematoden mit direktem Lebenszyklus als unwirksam. Andere Berichte beschreiben dagegen Wirkungen gegen Bandwürmer bei Wiederkäuern.

Diese Unterschiede sind wichtig. „Würmer“ sind keine einheitliche Gruppe. Bandwürmer, Spulwürmer, Hakenwürmer und Peitschenwürmer unterscheiden sich erheblich in ihrem Körperbau, Stoffwechsel und Aufenthaltsort.

Gerade bei Bandwürmern lohnt ein genauerer Blick auf ihre sehr unterschiedlichen Lebenszyklen und Übertragungswege. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag „Bandwürmer beim Hund: Übertragung, Lebenszyklen und Risiken“.


Kamala in meiner Beratungspraxis

Aus meiner eigenen Beratungspraxis kenne ich mehrere Hunde, die nach einem nachgewiesenen Wurmbefall mit Kamala behandelt wurden. Nach der Gabe setzte ein sehr starker, teils explosionsartiger Durchfall ein. In den anschließenden Kontrolluntersuchungen ließ sich der vorherige Befall nicht mehr nachweisen.

Solche Fallbeobachtungen sind kein Ersatz für eine kontrollierte klinische Studie. Sie sind aber auch nicht bedeutungslos. Die beobachtete Reaktion passt zu der bekannten abführenden und gegen bestimmte Bandwürmer gerichteten Wirkung von Kamala.

Sie zeigt zugleich, weshalb ich Kamala nicht als harmlosen Futterzusatz betrachte.

Ein Mittel, das innerhalb kurzer Zeit einen derart heftigen Durchfall auslösen kann, besitzt eine deutliche physiologische Wirkung. Wird es eingesetzt, braucht es deshalb eine klare Indikation, eine passende Dosierung, eine gute Beobachtung des Hundes und eine anschließende Kontrolluntersuchung.

Kamala gehört für mich eher in die Kategorie pflanzliches Entwurmungsmittel als in die Kategorie sanfte Darmkräutermischung.


Blühender Wermut wurde oft als Wurmmittel eingesetzt
Wermut wird im Englischen auch "wormwood" - Wurmkraut genannt.

Wermut und Beifuß: Warum Bitterkeit allein nicht genügt

Auch der Wermut trägt seinen alten Zweck sprachlich noch in sich. Im Englischen heißt er wormwood – Wurmkraut.

Artemisia absinthium ist aromatisch, herb und so bitter, dass sein Geschmack lange im Mund bleibt. Auszüge der Pflanze zeigten in Laborversuchen und Untersuchungen an Schafen Wirkungen auf verschiedene Magen-Darm-Nematoden. Die Ergebnisse hängen jedoch stark von Extrakt, Dosis, Wurmart und Versuchsaufbau ab.

Wermut enthält neben Bitterstoffen auch ätherisches Öl, dessen Zusammensetzung schwanken kann. Ein toxikologisch wichtiger Bestandteil ist Thujon. Die Europäische Arzneimittel-Agentur verlangt bei Wermut-Arzneimitteln deshalb eine Begrenzung beziehungsweise klare Angabe der Thujonaufnahme.

Das bedeutet nicht, dass jede kleine Menge Wermut automatisch gefährlich ist. Es bedeutet aber, dass Pflanzenteil, Herkunft, Verarbeitung und Dosierung eine Rolle spielen.

Beim Beifuß kommt hinzu, dass „Artemisia“ keine austauschbare Gruppe darstellt. Wermut, Gewöhnlicher Beifuß, Eberraute und andere Arten besitzen unterschiedliche Inhaltsstoffprofile. Die traditionelle Verwendung einer Art darf nicht ohne Weiteres auf eine andere übertragen werden.

Eine Kräutermischung mit wenig Wermut ist deshalb etwas anderes als ein konzentrierter Wermutextrakt oder selbst dosiertes ätherisches Öl.


Walnuss, Kürbiskerne und Kokos: Futter oder Entwurmungsmittel?

In heutigen Produkten zur natürlichen Parasitenvorsorge begegnen uns meist keine einzelnen Wurmdrogen mehr. Stattdessen werden zahlreiche Zutaten miteinander kombiniert:

Kamala, Wermut, Walnussblätter, Kürbiskerne, Kokosraspeln, Karotten, Oregano, Thymian, Zimt, Eberraute, Propolis, Schwarzkümmel oder Kieselgur.

Ein aktuell angebotenes Kamala-Produkt enthält beispielsweise rund ein Viertel Kamala sowie Torf, Eberraute, Kürbiskerne, Wacholderbeeren, Bärlauch und Kieselgur. Der Hersteller beschreibt es als Ergänzungsfuttermittel zur Versorgung mit Saponinen, Bitter- und Gerbstoffen.

Solche Mischungen können interessante Pflanzenstoffe enthalten. Aus der Zutatenliste allein lässt sich jedoch nicht erkennen, ob das fertige Produkt eine bestimmte Wurmart zuverlässig beseitigt.

Kürbiskerne liefern Fett, Eiweiß und Ballaststoffe. Kokosraspeln enthalten mittelkettige Fettsäuren. Walnussblätter besitzen Gerbstoffe und weitere sekundäre Pflanzenstoffe. Aromatische Kräuter können über ihren gehalt an ätherischen Ölen Verdauungsvorgänge, Futteraufnahme oder die mikrobielle Umgebung beeinflussen.

Das alles kann für eine Fütterung relevant sein.

Es ist aber noch kein Garant dafür, dass ein Hund nach der Gabe frei von Spul-, Haken-, Peitschen- oder Bandwürmern ist.

Ein Inhaltsstoff kann im Labor antiparasitäre Eigenschaften zeigen, ohne im Darm eines Hundes in einer ausreichend hohen und zugleich sicheren Konzentration beim Zielparasiten anzukommen. Und eine Mischung kann den Kotabsatz verändern, ohne die vorhandenen Würmer sicher abzutöten.

Hier lohnt sich ein genauer Blick auf die Sprache des Produktmarketings: Oft finden sich auf den Verpackungen Formulierungen wie „wurmfeindliches Darmmilieu“, „fütterungsbedingte Darmreinigung“ oder „Unterstützung der Ausscheidung“ – doch all dies bedeutet eben nicht automatisch:"Dieses Produkt behandelt einen nachgewiesenen Befall mit einer bestimmten Wurmart."


Kann ein Darm wirklich „wurmwidrig“ sein?

Der Begriff ist naturheilkundlich verbreitet, wissenschaftlich aber nicht eindeutig definiert. Ganz falsch ist die zugrunde liegende Vorstellung dennoch nicht, dass man ein Milieu schafft, in dem sich Würmer und Parasiten generell nicht wohl fühlen, nicht permanent ansiedeln und vermehren.

Zwischen Wirt und Parasit besteht immer eine lebendige Beziehung. Die Darmschleimhaut, das lokale Immunsystem, die Nährstoffversorgung, das Mikrobiom und die Darmbewegung beeinflussen, wie gut sich ein Organismus gegen Parasiten behaupten kann und wie stark er unter einer Infektion leidet. Alle Parasiten "trainieren" auch immer das Immunssystem.

Von Wiederkäuern wissen wir, dass Ernährung und Pflanzenstoffe das Verhältnis zwischen Tier und Parasit verändern können. Eine bedarfsgerechte Versorgung verbessert die Widerstandsfähigkeit belasteter Tiere. Tanninreiche Pflanzen können bei bestimmten Nematoden die Entwicklung, Fruchtbarkeit oder Eiausscheidung beeinflussen. Diese Ergebnisse stammen überwiegend aus der Schaf- und Ziegenhaltung und lassen sich natürlich nicht direkt in eine Dosierung für Hunde übersetzen. Sie zeigen aber, dass Ernährung und Parasitenbiologie nicht voneinander getrennt werden können.

Auch aus meiner Beratung kenne ich Hunde, die nach einer sorgfältigen Überprüfung ihrer Fütterung insgesamt stabiler werden: Der Kot wird gleichmäßiger, die Verdauung reagiert weniger empfindlich, das Körpergewicht bleibt stabil und Infektionen werfen den Hund weniger stark aus der Bahn.

Das bedeutet nicht, dass diese Hunde keine Wurmeier mehr aufnehmen oder aufgenommene einfach "durchgeschleust" werden. Es bedeutet eher, dass ihr Organismus besser damit umgehen kann und sie u.U. nicht symptomatisch erkranken.

Vielleicht ist deshalb nicht der vollkommen „wurmfeindliche Darm“ das sinnvollste Bild. Treffender wäre das eines widerstandsfähigen Wirts.

Eine wurmbezogen ausgerichtete Fütterung kann für mich bedeuten:

  • die Ration vollständig und bedarfsdeckend zu gestalten,

  • Eiweiß- und Energieversorgung zu prüfen,

  • eine gereizte Darmschleimhaut zu stabilisieren,

  • chronischen Durchfall oder eine gestörte Verdauung ernst zu nehmen,

  • Reinfektionswege zu erkennen,

  • ausgewählte Bitter-, Gerb- oder Aromapflanzen gezielt und zeitlich begrenzt einzusetzen.

Sie bedeutet nicht, den Darm durch möglichst viele scharfe oder bittere Zutaten für jedes Lebewesen unbewohnbar zu machen.


Wissen Tiere selbst, welche Pflanzen sie brauchen?

Diese Frage begleitet Pflanzenheilkunde und Kräuterwanderungen fast zwangsläufig:

Können Tiere sich selbst behandeln?

Bei Schafen und Ziegen gibt es Hinweise darauf, dass parasitenbelastete Tiere lernen können, tanninreiche Futtermittel gezielter auszuwählen. In Versuchen veränderten infizierte Tiere ihre Futterwahl, wenn ihnen Pflanzenstoffe mit möglicher antiparasitärer Wirkung zur Verfügung standen. Das Verhalten war nicht bei jedem Tier gleich und hing unter anderem von Erfahrung, Nährwert und den Kosten des bitteren Futters ab.

Von wildlebenden Schimpansen ist ein anderes Verhalten bekannt. Sie schlucken mitunter raue, behaarte Blätter nahezu unzerkaut. Diese Blätter werden im Darm kaum verdaut. Beim Durchgang können sie Schleim und Parasiten mechanisch mitnehmen. Daneben wurden kranke oder verletzte Schimpansen dabei beobachtet, Pflanzen mit pharmakologisch aktiven Inhaltsstoffen auszuwählen, die sonst kaum zu ihrem üblichen Speiseplan gehören.

Das ist faszinierend – aber keine magische Pflanzenkenntnis.

Tiere können lernen, körperliche Beschwerden mit bestimmten Geschmäckern oder Pflanzen zu verbinden. Sie können sich dabei aber auch irren, ungeeignete Mengen aufnehmen oder in einer menschlich gestalteten Umgebung gar keine passende Auswahl vorfinden.

Ein Hund, der Gras, Erde oder Holz frisst, stellt deshalb nicht automatisch eine zuverlässige Parasitendiagnose und behandelt sich auch nicht sicher selbst.

Zoopharmakognosie zeigt uns vielmehr, dass Tiere aktiv auf innere Zustände reagieren können. Sie ersetzt weder Kotuntersuchung noch gezielte Behandlung.


Bei einem Befall sollte nicht erst wochenlang am Milieu gearbeitet werden

Wird ein relevanter Wurmbefall nachgewiesen, zeigt der Hund Beschwerden oder besteht ein erhöhtes Risiko für Menschen und andere Tiere, halte ich es für sinnvoll, zunächst zügig und wirksam zu entwurmen.

Dabei ist die entscheidende Frage nicht zuerst: Ist das Mittel pflanzlich oder konventionell? Mir ist es wichtig, dass die festgestellte Wurmart zuverlässig erfasst wird und es für den betroffenen Hund sicher und verträglich in der Anwendung ist.

Ein Welpe mit starkem Spulwurmbefall, ein Hund mit blutsaugenden Hakenwürmern oder ein Tier mit einem zoonotisch bedeutsamen Parasiten braucht keine wochenlange Versuchsphase mit Kokosraspeln und Bitterkräutern.

Auch Kamala würde ich nicht ohne Kenntnis der Wurmart und ohne Erfolgskontrolle einsetzen. Seine historische und experimentelle Wirkung richtet sich besonders gegen Bandwürmer; daraus folgt keine zuverlässige Wirksamkeit gegen jeden Nematoden.

Nach der Entwurmung beginnt jedoch ein zweiter, häufig vernachlässigter Teil:

Warum ist dieser Hund erkrankt oder so stark belastet worden? Frisst er Mäuse, Aas oder Kot? Besteht ein Flohbefall? Hat er regelmäßig Durchfall? Ist die Ration bedarfsdeckend? Hat die Infektion Gewicht, Schleimhaut oder Nährstoffversorgung beeinträchtigt?

Dann geht es um Fütterung, Darmstabilisierung, Risikomanagement und die Vermeidung einer schnellen Neuinfektion.

Den Befall beseitigen und anschließend den Wirt stärken – diese Reihenfolge halte ich für sinnvoller, als einen vorhandenen Befall allein über Monate „wegfüttern“ zu wollen.


Eine Wurmkur ist keine "Kur" zur Regeneration oder zur Vorbeugung

Der Begriff „Wurmkur“ klingt nach einer längeren Anwendung, nach Regeneration und vielleicht sogar nach einem Schutz, der über die Behandlung hinaus anhält.

In den meisten Fällen geschieht etwas anderes:

Ein Anthelminthikum erfasst bestimmte Würmer oder Entwicklungsstadien, die sich zum Zeitpunkt der Behandlung im Hund befinden. Danach ist der Hund nicht immun. Er kann bereits beim nächsten Mäusefang, Flohverschlucken oder Kontakt mit infektiösen Stadien erneut Parasiten aufnehmen.

Eine Entwurmung ist deshalb keine Impfung.

Sie kann aber strategisch eingesetzt werden, um vorhandene Würmer zu beseitigen, die Eiausscheidung zu reduzieren und zu verhindern, dass sich ein Befall über längere Zeit unbemerkt verstärkt.

Die aktuelle ESCCAP-Empfehlung richtet die Häufigkeit von Untersuchungen und Behandlungen am individuellen Risiko des Hundes aus. Ein Hund mit kontrolliertem Auslauf und ohne Beutetieraufnahme braucht eine andere Strategie als ein unbeaufsichtigt jagender Mäusefänger oder ein Hund, der rohe Innereien unbekannter Herkunft erhält.


Ein Gurkenkernbandwurm udn ein Eipaket
Der Gurkenkern- oder Kürbiskernbandwurm

Kotuntersuchung oder regelmäßige Entwurmung?

Beide Wege haben Berechtigung – und beide haben Grenzen.

Eine Kotuntersuchung ermöglicht es, einen nachgewiesenen Befall gezielt zu behandeln. Am aussagekräftigsten ist meist eine über mehrere Tage gesammelte Probe, weil Wurmeier nicht immer gleichmäßig ausgeschieden werden.

Eine negative Probe bedeutet dennoch nicht bei jeder Wurmart mit absoluter Sicherheit, dass kein Befall besteht. Der Hund kann sich in einer Phase vor Beginn der Eiausscheidung befinden. Eier können unregelmäßig abgegeben werden.

Bei Bandwürmern ist der Nachweis zudem über eine normale Kotprobe teilweise besonders schwierig (Welche Unterschiede zwischen Fuchsbandwurm, Hundebandwurm und Gurkenkernbandwurm bestehen, lesen Sie im Beitrag „Bandwürmer beim Hund“).

Die ESCCAP (eine unabhängige europäische Expertenorganisation für Tierparasitologie) bewertet regelmäßige Kotuntersuchungen bei zahlreichen Risikogruppen als mögliche Alternative zur strategischen Entwurmung – allerdings in derselben Frequenz, in der sonst behandelt würde. Bei einem nicht sicher einschätzbaren Bandwurmrisiko wird wegen der begrenzten Nachweissicherheit eher zur Behandlung geraten.

Es geht daher nicht um eine Grundsatzentscheidung zwischen „Kotprobe“ und „Chemie“.

Es geht darum, welche Strategie bei diesem Hund die relevanten Parasiten mit ausreichender Sicherheit erfasst.


Resistenzen: Nicht der Hund gewöhnt sich an das Mittel

Bei der Resistenzentwicklung wird häufig ein falsches Bild verwendet. Nicht der Körper des Hundes gewöhnt sich an das Entwurmungsmittel. Die Wurmpopulation verändert sich.

Innerhalb einer Parasitenpopulation können einzelne Würmer genetisch weniger empfindlich gegenüber einem Wirkstoff sein. Werden empfindliche Würmer abgetötet, überleben diese Individuen eher und geben ihre Eigenschaften weiter. Häufige Behandlungen mit derselben Wirkstoffklasse, Unterdosierungen und fehlende Erfolgskontrollen können diesen Selektionsdruck erhöhen.

Bei Schafen, Ziegen und Pferden stellen resistente Magen-Darm-Nematoden bereits seit Jahren ein erhebliches Problem dar.

Bei Hunden ist die Situation in Europa bislang weniger ausgeprägt. Dennoch wurden in den USA multiresistente Populationen des Hakenwurms Ancylostoma caninum zunächst vor allem in häufig entwurmten Windhundbeständen und später auch bei anderen Hunden nachgewiesen. Inzwischen wurden entsprechende Resistenzmarker auch in Australien und Neuseeland gefunden.

2024 wurde außerdem der erste europäische Fall einer wahrscheinlichen Praziquantel- und Epsiprantelresistenz beim Gurkenkernbandwurm beschrieben. Ein einzelner Fall bedeutet noch kein flächendeckendes Problem. Er zeigt aber, dass auch bei Heimtierparasiten eine Erfolgskontrolle sinnvoll sein kann, wenn ein Befall trotz korrekt durchgeführter Behandlung bestehen bleibt.

Die vernünftige Schlussfolgerung lautet nicht, einen nachgewiesenen Befall möglichst schwach oder gar nicht zu behandeln.

Sie lautet:

So gezielt wie möglich, so wirksam wie nötig und korrekt dosiert.


Was Entwurmungsmittel in der Umwelt bewirken können

Anthelminthika verschwinden nach der Gabe nicht einfach. Wirkstoffe oder ihre Abbauprodukte können über den Kot und teilweise über den Urin ausgeschieden werden.

Besonders gut untersucht sind makrozyklische Laktone wie Ivermectin, Doramectin und Moxidectin bei Weidetieren. Rückstände im Dung können Larven von Dungkäfern und Fliegen schädigen, ihre Entwicklung beeinträchtigen und den Abbau von Dunghaufen verlangsamen. Die Wirkungen unterscheiden sich jedoch deutlich zwischen Wirkstoffen, Präparaten, Dosierungen und Tierarten. Fenbendazol zeigte beispielsweise in einem Feldversuch wesentlich geringere Auswirkungen auf Dunginsekten als Ivermectin.

Die Aussage, Entwurmungsmittel würden grundsätzlich sämtliche Nematoden in unseren Böden vernichten, wäre zu pauschal. Besonders belastbar dokumentiert sind Auswirkungen bestimmter Wirkstoffgruppen auf Dungfauna und aquatische Organismen.

Auch die Haltung des Tieres verändert den Eintragspfad. Rinder- und Pferdekot bleibt häufig direkt auf der Weide liegen. Hundekot kann eingesammelt und entsorgt werden. Gleichzeitig befasst sich auch die Europäische Arzneimittel-Agentur inzwischen intensiver mit den Umweltwegen von Parasitenmitteln für Hunde und Katzen.

Der ökologische Blick spricht deshalb nicht gegen jede notwendige Behandlung. Er spricht für eine begründete Anwendung und dafür, Hundekot konsequent aufzunehmen – besonders nach einer Entwurmung.


Was natürliche Parasitenvorsorge leisten kann

Natürliche Parasitenvorsorge beginnt für mich nicht mit dem wahllosen Zusammenstellen möglichst vieler Wurmkräuter.

Sie beginnt mit dem Lebensstil des Hundes.

Ein Hund, der täglich Mäuse frisst, Flöhe trägt oder unbeaufsichtigt Aas und Kot aufnimmt, besitzt ein anderes Risiko als ein Hund mit kontrolliertem Auslauf. Keine Kräutermischung kann diese Übertragungswege vollständig neutralisieren.

Sinnvolle Vorsorge kann daher bedeuten:

  • das individuelle Parasitenrisiko realistisch einzuschätzen,

  • Kot in passenden Abständen untersuchen zu lassen,

  • Flohbefall konsequent zu behandeln,

  • Mäuse-, Aas- und Kotfressen soweit möglich zu begrenzen,

  • eine bedarfsdeckende und gut verträgliche Ration zu füttern,

  • chronische Verdauungsstörungen abzuklären,

  • ausgewählte Pflanzen nur mit einem klaren Ziel einzusetzen,

  • nach einer Behandlung den Erfolg zu kontrollieren.

Wermut, Kamala, Walnussblätter, Kokos oder Kürbiskerne müssen dabei weder verherrlicht noch grundsätzlich verworfen werden.

Sie besitzen nur nicht alle dieselbe Aufgabe.

Kamala kann als kräftige pflanzliche Wurmdroge betrachtet werden. Wermut ist eine pharmakologisch interessante Bitter- und Aromapflanze mit Dosierungsgrenzen. Kokos und Kürbiskerne sind in erster Linie Futtermittelbestandteile, denen verschiedene unterstützende Wirkungen zugeschrieben werden. Kräutermischungen können Verdauung und Fütterung ergänzen, ohne dadurch automatisch einen nachgewiesenen Befall zu beseitigen.


Sporen auf der Rückseite des Blattes eines Wurmfarns
Die Sporen auf der Rückseite der Blätter des Wurmfarns erinnern an kleine, zusammengerollte Würmchen.

Natürliche Entwurmung beim Hund: eine Frage des Ziels

Die Pflanzenheilkunde hat sich nicht deshalb mit Würmern beschäftigt, weil Menschen früher naiv an harmlose Kräuter glaubten.

Sie tat es, weil manche Pflanzen sichtbar wirkten.

Der Wurmfarn schädigte Bandwürmer – und konnte den Patienten erblinden lassen. Kamala verband eine direkte Wirkung auf bestimmte Bandwürmer mit einem heftigen Abführen. Wermut zeigte antiparasitäre Aktivität, brachte aber mit Thujon zugleich eine toxikologische Grenze mit.

Die Geschichte der Wurmkräuter ist deshalb keine Geschichte von Natur gegen Chemie.

Sie ist eine Geschichte darüber, wie Menschen versucht haben, wirksame Stoffe so einzusetzen, dass der Parasit stärker getroffen wurde als sein Wirt.

Heute können wir Parasiten genauer bestimmen, Wirkstoffe präziser dosieren und Behandlungserfolge kontrollieren. Gleichzeitig dürfen wir weiterhin fragen, welche Rolle Ernährung, Pflanzenstoffe, Darmgesundheit und tierische Widerstandskraft spielen.

Bei einem festgestellten Befall sollte der Hund nicht auf eine allmähliche Veränderung seines Darmmilieus warten müssen. Der Parasit sollte zügig und zuverlässig beseitigt werden. Danach lohnt sich der Blick auf den ganzen Hund: auf seine Fütterung, seine Verdauung, sein Verhalten und seine persönlichen Infektionswege.

Und vielleicht begegnet uns beim nächsten Gang durch einen schattigen Wald wieder ein Wurmfarn.

Seine Wedel erzählen nicht, dass Menschen einst aus seinem unterirdischen Wurzelstock ein gefürchtetes Arzneimittel bereiteten. Sie entfalten sich still über dem Waldboden, als hätten sie mit Würmern und alten Apotheken nie etwas zu tun gehabt.

Doch wer seine Geschichte kennt, sieht genauer.

Nicht jede alte Heilpflanze ist ein brauchbares Hausmittel.Nicht jedes moderne Arzneimittel ist deshalb grundsätzlich abzulehnen.Und nicht jede natürliche Parasitenvorsorge beginnt mit einer Pflanze.

Manchmal beginnt sie mit einer Kotprobe, einem genauen Blick auf den Hund – und der richtigen Frage zur richtigen Zeit.


Aus der Beratungspraxis

Bei der Parasitenvorsorge gibt es keine sinnvolle Standardlösung für jeden Hund. Jagdverhalten, Rohfütterung, Flohbefall, Alter, Verdauung, bisherige Befunde und die Lebenssituation im Haushalt verändern das Risiko.

In meiner Beratung ordne ich deshalb nicht nur ein mögliches Kräuterprodukt ein. Ich betrachte ebenso die bestehende Fütterung, die Darmstabilität, mögliche Reinfektionswege und die Frage, ob zunächst diagnostiziert oder unmittelbar behandelt werden sollte.

Eine natürliche Entwurmung beim Hund kann sinnvoll sein. Sie beginnt jedoch mit einer klaren Einschätzung dessen, was der Hund tatsächlich braucht.


Studien:

Anthelmintische Wirkung von europäischen Farnextrakten gegen Haemonchus contortus: DOI: 10.1186/s13567-023-01192-8

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